Räucherhaus Ahrenshoop – den ersten Hinweis auf dieses Restaurant am Hafen von Althagen, einem Ortsteil von Ahrenshoop, erhielten wir von einer Anwohnerin im Ort. Wo man gut Fisch essen könne, hatten wir wissen wollen. „Gleich um die Ecke, unten am Hafen“, entgegnete die Dame wie aus der Pistole, ganz so, als gäbe es für sie keine Alternative.

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Sicher, es gibt noch andere Gelegenheiten, in Ahrenshoop Fisch zu essen. Dieser Ort aber ist besonders: Eine Gaststätte mit Blick auf einen kleinen, beschaulichen Hafen, auf moderne Segelyachten und historische Zeesenboote, mit denen Urlauber über den Bodden schippern können. Ein Hafen, in dem morgens die Enten darauf warten, von einem der „ganz alten“ Ahrenshooper Fischer gefüttert zu werden und abends das Restlicht der untergehenden Sonne Röhricht und Uferschilf erst in leuchtendes Rot und dann in warmes, tiefes Blau hüllt. Wo es sich in den gemütlichen Ferienwohnungen und Zimmern, die zum Räucherhaus gehören, herrlich romantisch übernachten lässt.

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Das Räucherhaus in Ahrenshoop: Spät abends, wenn sich der blaue Mantel der Nacht über den Hafen legt

Räucherhaus Ahrenshoop


Was gibt es Schöneres, als spät abends, nach einem guten Essen und dem letzten Glas Bier oder Wein nur ein paar Schritte entfernt ins gemütliche Bett zu fallen, nichts weiter zu hören, als das leise Plätschern des Wassers, und morgens vom Gezwitscher der Spatzen vor den Fenstern geweckt zu werden? Aufzustehen und vom Balkon auf den Hafen zu blicken? Das ist es, was diesen Ort, das Räucherhaus und den Hafen von Ahrenshoop ausmacht.

Blick von der Ferienwohnung, die zum Räucherhaus am Hafen von Ahrenshoop gehört

Räucherhaus Ahrenshoop

Aber nicht nur das. Es sind die Menschen und ihre Geschichten, die diesen Ort unvergesslich machen. Allen voran Susanne und Andreas Schönthier, die mit viel Mut, Geschick und dem Glück der Tüchtigen aus dem einst tristen, heruntergekommenen Hafen einen so schmucken Ort gemacht haben. Die die Gunst der Stunde nutzten, um etwas aufzubauen und nicht zögerlich warteten, bis andere es ihnen vormachten. Zu DDR-Zeiten war hier nämlich nichts. Oder fast nichts, außer einem versandeten Hafenbecken, in dem ein abgesoffenes Boot lag und an dessen Uferbefestigung marode Betonplatten drohten, ins Becken abzurutschen. Kein schöner Anblick, aber symptomatisch für den späteren Untergang des Arbeiter- und Bauernstaats.

Susanne Schönthier, maritim gestreiftes Shirt, verschmitztes Lächeln, leuchtend fröhliche Augen, sitzt mit uns in der urig gemütliche Gaststube in Ihrem „Räucherhaus“. Frische Blumen stehen auf den schweren, großen Holztischen, das Licht der runden Hängelampen wird von den Bootslack-beschichteten Tischplatten an die Holzdecke reflektiert. An den Wänden hängen Gemälde mit Motiven aus der Seefahrt, außerdem Grafiken und Bilder mit Fisch-Darstellungen. Eine leicht bekleidete Meerjungfrau schaut keck von oben auf die Gäste herab.

Frische Blumen auf den Tischen im Räucherhaus in Ahrenshoop

Räucherhaus Ahrenshoop

Auf der üppigen Karte stehen Delikatessen wie „Fischbrühe mit Wurzelgemüse und Stücken von Boddenfisch„, „Poschierter Dorsch“ und „Boddenzander im Stück gedünstet„, „Ostseehering nach Art des Hauses“ und „Stremellachs in Blätterteighülle„. Fisch-Gourmet, was willst Du mehr?

Der Raum erinnert an eine Hafenkneipe, nur gemütlicher und mit sehr viel Geschmack eingerichtet und arrangiert. Am Tresen fließt das Bier und zwischen den Tischen wirbelt charmantes wieselflinkes und stets freundliches Personal. Alles Mecklenburger Deerns, die zupacken können und das Herz auf dem rechten Fleck tragen. Schön anzusehen in ihren Trachtenkleidern. Sympathisch, ehrlich, gut. Die Chefin lebt es ihrem Personal vor: Sie ist lebenslustig, fröhlich und hat immer einen freundlichen Spruch auf den Lippen. In ihrem Räucherhaus fühlt man sich auf Anhieb wohl.

Gemütlich: Der Schankraum im Räucherhaus in Ahrenshoop

Räucherhaus Ahrenshoop

Susanne Schönthier wirkt, als sei sie schon immer Wirtin gewesen. Was so nicht stimmt. Sie lächelt verschmitzt und erzählt von den Anfängen, und wie es damals war, hier am Hafen. Eigentlich hatte sie mal Künstlerin werden wollen. Die Ausbildung an einer Kunstschule in Heiligendamm war fest eingeplant, das Kennenlernen ihres späteren Ehemanns Andreas aber nicht. Hals über Kopf hatte sich die junge Frau von der Ostseeinsel Rügen in den Fischer vom Fischland verliebt. Sie verließ die Insel, kam hierher nach Ahrenshoop und arbeitete als Schneiderin. Zu DDR-Zeiten hatte man in diesem Beruf ein sicheres Einkommen. Boutiquen wie heute gab es nicht, also ließ man schneidern.

Räucherhaus Ahrenshoop

Dann kam die Wende, und alles wurde anders. Schneiderinnen wurden nicht mehr gebraucht, die Fischerei-Genossenschaft, in der ihr Mann arbeitete, wurde aufgelöst, die Preise für Fisch gingen in den Keller. Die Zukunft sah nicht rosig aus, aber die Schönthiers erwiesen sich als „Macher“: „Bangemachen gab’s nicht“ erzählt Susanne Schönthier, „wir mußten nur irgendwie den Fisch verkaufen, den Andreas aus den Netzen holte.“ Andreas Schönthier fischte, seine Frau Susanne zerlegte die Ware. Abends zog sie von Restaurant zu Restaurant, bis auch der letzte Dorsch, Zander oder Aal „an den Mann gebracht“ war. Und als sie mit ihrer Tochter Pauline schwanger war, stand Susanne Schönthier schon am Tag nach der Entbindung wieder am Fischstand. „Mußte ja“ sagt sie und grinst.

Nach oben schauen lohnt sich: Meerjungfrau und dicker Fisch im Räucherhaus in Ahrenshoop

Räucherhaus Ahrenshoop

Irgendwann hatten die Schönthiers die Idee mit dem Restaurant am Hafen. Warum den Fisch an Gaststätten verkaufen, wenn man ihn selbst anbieten kann? Sie fingen an, zu bauen und nannten ihr Lokal „Räucherhaus„, weil der frisch gefangene Fisch zunächst hinten im Haus geräuchert wurde (der breite Schornstein auf dem Gebäude zeugt noch davon). Dort, wo sich heute der hintere, zweite Gastraum befindet, war zu Anfang ein Verkaufsraum.

Später wurde im Räucherhaus umgebaut. In der oberen Etage entstanden zwei Appartements und die Räucheröfen wurden ausgelagert. Geräuchert wird jetzt hinterm Haus, gleich neben der „Reuse“, einem Verkaufsstand mit Tischen und Bänken im Freien, wo sich schon morgens um 10 Uhr, wenn die Öfen geöffnet werden und sich der unwiderstehliche Duft des frischen Räucherfischs über den Hafen legt, die ersten Gäste drängen.

Lecker: Morgens um 10 Uhr wird der frisch geräucherte Fisch aus den Öfen geholt…
Räucherhaus Ahrenshoopund gleich an der „Reuse“ verkauft

Räucherhaus Ahrenshoop

Parallel zum Bau des Hauses räumte Andreas Schönthier im Hafen auf: Er befreite das Hafenbecken vom Schlick, legte ein Spülfeld an, ließ neue Träger für die Spundwände in den Boden rammen, und baute einen Steg, der lang genug war, neben seinen Zeesenbooten am hinteren Ende auch den touristischen Fahrgastschiffen Platz zu geben.

Er stellte überall Sitzbänke auf, auf denen Urlauber und Einheimische das Treiben im Hafen beobachten und genießen können. Einfach mit einem Fischbrötchen, einem Kaffee oder einem Eis vom Kiosk am Steg hinsetzen und die Seele baumeln lassen: Das Leben kann so schön sein. Einheimische kommen vorbei, um den Hund auszuführen, Radler, um sich bei einer Rast auf den Bänken zu erfrischen, Urlauber, um nach dem Spaziergang am Bodden Kaffee zu trinken oder den leckeren Kuchen, den Susanne Schönthier zuhause selbst bäckt, zu probieren (köstlich!).

Bänke am Hafen laden zum Relaxen ein

Räucherhaus Ahrenshoop

Mit den Jahren entwickelte sich der Hafen von Althagen zu einem neuen Zentrum von Ahrenshoop. Eine Begegnungsstätte, geschaffen von Andreas Schönthier, der auch das Amt des ehrenamtlichen Hafenmeisters innehat. Wer, so wie wir, morgens auf der Terrasse des Räucherhauses frühstückt, kann beobachten, wie er in Begleitung seines Jagdhundes Gina (Schönthier ist auch passionierte Jäger) die Boote im Hafen abläuft, um die Liegegebühren zu kassieren.

Mit den Jahren wuchs das Geschäft und Familie Schönthier wurde immer erfolgreicher. Auch der vom „Feinschmecker“ gerade erst geadelte Imbiss „Fisch-Katen“, oben im Ort, an der Hauptstrasse neben dem Edeka-Parkplatz, gehört zum Räucherhaus.

30 Angestellte haben die Schönthiers heute. Von der Reinigungskraft bis zum Zeesenboot-Skipper, vom Chef der Räucherei über die Kellnerin, den Imbissverkäufer bis zum Koch: Sie alle pflegen ein familiäres Verhältnis. Ist jemand in Not, hilft man einander. Die meisten der Angestellten des Familienunternehmens kommen auch über den Winter, ohne arbeitslos zu werden – keine Selbstverständlichkeit hier in der saisonal wirtschaftlich stark abhängigen Tourismusregion. Zwei der fünf Kinder arbeiten inzwischen mit im Betrieb. Sowohl Pauline, die damals zur Welt kam, als ihre Mutter die alten Nähnadeln gegen neue Fischmesser tauschte, um über die Runden zu kommen, als auch Marie: Sie steht für die neue Generation von Ahrenshoopern, wie kaum eine andere: Top-Ausbildung in der Hotellerie, internationale Erfahrung, verheiratet mit einem Amerikaner und nun zurück im elterlichen Betrieb. Vom Vater den Ehrgeiz und die Segelleidenschaft, von der Mutter die Ausstrahlungen, die funkelnden Augen, das verschmitzte Lächeln, den hintergründigen Humor. Und trotz des Erfolgs ganz bescheiden, so wie die Eltern auch: Die ehrliche Frohnatur hat sich an Marie vererbt.

Die charmante Chefin des Räucherhauses, Susanne Schönthier

Räucherhaus Ahrenshoop

Wir sind mit ihrem Vater Andreas verabredet, der uns zu einem Segeltörn auf seinem Zeesenboot „Sannert“ eingeladen hat. Sannert heißt auf hochdeutsch „Zander“ und ist der Name eines fast 11 Meter langen und dreieinhalb Meter breiten, hölzernen Segelboots, das 1912 in Barth vom Stapel lief und jahrzehntelang dem Fischfang auf dem Bodden diente. Fünf Eigner hatte es im Laufe seiner Geschichte und seit 1981 gehört es Andreas Schönthier.

Die Segel sind gesetzt: Das braune, von der bleichenden Sonne ins Lila changierende Tuch des Großsegels spannt sich über uns im Wind. Die geölten Planken des Teakdecks glänzen in der Sonne, alle Gäste sind an Bord, auch Jagdhund Gina, die ständige Begleiterin des Kapitäns. Langsam segeln wir mit dem 103 Jahren alten Boot aus dem Hafen hinaus auf den Bodden. Später werden auch Besan-, Fock- und Klüversegel gehisst und die Sannert nimmt mächtig Fahrt auf. Ein stolzes Schiff, ebenso, wie ihr Besitzer Andreas Schönthier, der zu erzählen beginnt. Mit Gaffeltoppsegel in voller Ketsch-Tagelage machen insgesamt 90 Quadratmeter Segelfläche sein Boot zu einem der schnellsten Zeesenboote an der Ostsee. 2014 errang Schönthier mit seiner „Sannert“ bei der traditionellen „Ahrenshooper Zeesbootregatta“, die hier jedes Jahr im September von den Schönthiers organisiert wird, den ersten Platz und auch bei anderen Regatten ist die Sannert immer ganz vorne dabei.

Käpt’n Andreas Schönthier mit Gästen auf seinem Zeesenboot „Sannert“

Räucherhaus Ahrenshoop

Das Boot legt sich in den Wind. Ein schönes Gefühl, so schräg im Wasser zu gleiten. Schönthier, den Blick durch die Sonnenbrille immer sicher auf Wasser, Segel und die Windrichtungsanzeige an der Mastspitze (Verklicker) gerichtet, rückt sein beige-farbenes Cappy mit „Sannert“ Logo zurecht und erzählt von den Tücken des Boddens. Viele Segler unterschätzen die plötzlich umschlagenden oder unerwartet auffrischenden Winde. Manche kentern und jedes Jahr ertrinken einige, weil sie nicht vorsichtig genug waren. Sorge bereiten ihm auch unerfahrene oder rücksichtslose Segler, die die roten Fähnchen seiner Stellnetze übersehen und mit ihren Booten die teuren Netze zerstören.

Auch wenn er ursprünglich nicht von der Küste kommt, ist Schönthier ein erfahrener Segler und weiß, wovon er spricht. Mit 16 Jahren zog es den Spross einer Hugenottenfamilie aus seiner sächsischen Bergbau-Heimat Freiberg hierher an die Ostsee. Die Freiheit der See lockte ihn ans Meer. Er bewarb sich an der Seefahrtschule Wustrow und krönte seine Ausbildung mit einem Kapitänspatent für Hochseefischerei. Das von Stasi und Bespitzelung dominierte System auch auf hoher See schmeckte ihm aber nicht. Als einer der reglementierten Posten in der Fischer-Genossenschaft am Bodden frei wurde, nutzte Schönthier die Gelegenheit, quittierte den Job und wurde einfacher Fischer.

Es wird nie langweilig: Andreas Schönthier hat jede Menge Geschichten für seine Gäste auf Lager

Räucherhaus Ahrenshoop

Schönthier erzählt eine Anekdote: Auf den Segeln seiner beiden Zeesenboote (er kaufte vor 15 Jahren die etwas größere, 80 Jahre alte „Blondine“ hinzu), wie auch auf vielen anderen Segelschiffen hier am Bodden, ist ein schwarzer Katzenkopf eingenäht. Jeder Segelmacher, der die Meisterprüfung besteht, „markiert“ fortan mit einem eigenen Symbol seine Segel. Der in der DDR bekannte Segelmacher Willi Gaeth aus Rostock trug deshalb den Spitznamen „Katzenkopf-Willi“.

Das Zeichen von Segelmacher „Katzenkopf-Willi“ auf dem Großsegel der „Sannert“

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Katzenkopf-Willi“ hatte 1975 die Nase voll: In ihrem Überwachungswahn hatten ihm die „zuständigen Organe der DDR“ die Nachtsegelgenehmigung für seine Yacht „Tornado“ entzogen, und das paßte Gaeth nicht. Mit Frau und Kindern flüchtete er am 15. Juli 1975 mit seinem Boot über die Ostsee in den Westen. Der Vorfall hätte fast zum Krieg geführt. Von zwei Grenzbooten der DDR verfolgt, hatte Willi Gaeth das Glück, von einem Wachboot des Bundesgrenzschutzes aufgegriffen und an den Haken genommen zu werden. Mehrere Kriegsschiffe der DDR nahmen die Verfolgung auf, um Gaeth und sein Boot zurückzuholen. Es herrschte höchste Alarmstufe auf beiden Seiten und die Situation drohte zu eskalieren. Erst das Erscheinen zweier NATO-Kampfhubschrauber ließ die DDR-Grenzer einlenken und abdrehen. „Katzenkopf-Willi“ und seine Familie hatten die Flucht in die Freiheit geschafft.

Und die Katzenköpfe? Die mußten damals auf Anordnung der DDR-Behörden aus allen Segeln im Land herausgeschnitten werden. Nach der Wende kam Willi Gaeth zurück und lebt heute bei Zingst. Seine Segel gehören noch immer zu den Besten, die man kaufen kann. Und Andreas Schönthier ist stolz, die Katzenköpfe mit seinen Booten wieder über den Bodden segeln zu lassen.

Käpt’n Andreas Schönthier erklärt seinen Gästen die Tücken der Boddengewässer

Räucherhaus Ahrenshoop

Andere hatten nicht soviel Glück wie „Katzenkopf-Willi“. Und auch das gehört zur Geschichte Ahrenshoops. Leider. Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 blieb vielen Menschen, die die DDR verlassen wollten, nur die Flucht über die Ostsee. Auch hier in Ahrenshoop, dem berühmten, idyllischen Künstlerdorf mit den vielen schönen reetgedeckten Häuschen und dem wohl schönsten Strand der deutschen Ostseeküste, versuchten immer wieder Menschen das menschenverachtende Unrechtsregime zu verlassen. Nach Sonnenuntergang durfte niemand an den Strand. Jeder, der dann von den Grenzern, die hier die ganze Nacht patrouillierten, aufgegriffen wurde, machte sich „verdächtig“, war ein potentieller „Republikflüchtling“. Einigen gelang dennoch die Flucht, andere ertranken jämmerlich oder wurden von den Grenzern aus dem Wasser gezogen und jahrelang weggesperrt. Weil sie das Land verlassen wollten.

Einer, der es schaffte, ist der spätere Buchautor und Journalist George Tenner, der vor seiner Flucht Schmidt-Kirstein hieß und als Weber mit seiner Mutter auf einem Grundstück am Weg zum Hohen Ufer lebte. Nach einem ersten, gescheiterten Flucht-Versuch 1964 und anschließender einjähriger Haft in einem Stasi-Gefängnis machte er sich in einer Nacht des Oktober 1966 mit Frau, Sohn und einem Freund in einem Schlauchboot über die Ostsee erneut auf den Weg in die Freiheit. Diesmal gelang die Flucht. Allerdings mußte Tenners Mutter dafür büßen. Sie hatte sich geweigert, ihren Sohn nachträglich anzuzeigen. Stasi und Polizei gängelten die alte Dame solange, bis sie Ahrenshoop verließ. Das Grundstück mit Wohnhaus und Werkstatt in bester Lage ging in den Besitz des „Bereichs Kommerzielle Koordinierung“, kurz KoKo, über, einer von der Stasi kontrollierten geheimen Abteilung des Ministeriums für Außenhandel der DDR. An ihrer Spitze: der kürzlich verstorbene Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski, dessen Aufgabe es war, Devisen zu beschaffen und die oberen Parteibonzen mit Luxusgütern aus dem Westen zu versorgen. Nicht nur in Wandlitz, auch hier in Ahrenshoop.

Immer mit an Bord: Gina, die nette Jagdhündin des Kapitäns Andreas Schönthier

Räucherhaus Ahrenshoop

Ahrenshoop und die Stasi: Erst entdeckte der „Kulturbund der DDR“ Ahrenshoop als sein exklusives Refugium, in dem man unter sich bleiben wollte. Der Vorsitzendes dieses „Kulturbunds“ tat alles dafür, daß der FDGB-Feriendienst mit seinen Ferienplätzen für die Werktätigen hier nichts zu sagen hatte. Das „einfache Volk“ wollte man hier nicht zu Besuch haben. Auch deshalb war Ortsansässigen die private Aufnahme von Urlaubern untersagt. Nur DDR-Bürger, die es sich leisten konnten, über das „Reisebüro der DDR“ Zimmer zu buchen, waren hier als Feriengäste willkommen.

Je mehr Bewohner Ahrenshoop verließen, sei es vor dem Mauerbau durch Ausreise in den Westen, sei es durch Flucht, desto mehr „verdiente Genossen“ kamen nach Ahrenshoop. Parteikader, Mitläufer, Stasi-Mitarbeiter, denen man Häuser von „Republikflüchtigen“ oder Ausgereisten zuschanzte. Es waren nicht wenige, die hier lebten wie die Maden im Speck. Bis zur Wende jedenfalls. Mit dem Fall der Mauer kamen die Anträge auf Rückübertragung von Häusern und Grundstücken. 80 Prozent der Grundstücke in Ahrenshoop waren davon betroffen. Achtzig Prozent! Der Hälfte der Anträge wurde stattgegeben. Nicht alle Antragsteller hatten den langen Atem, vor Gericht durch alle Instanzen zu gehen.

Romantisch: Schlafzimmer einer Ferienwohnung, die zum Räucherhaus in Ahrenshoop gehört
Räucherhaus Ahrenshoop

Die Ahrenshooper Schriftstellerin Agnes-Maria Griesebach hatte Geduld. Den Ort verlassen hatte sie vor dem Bau der Mauer, weil auch ihr das SED-System zuwider war. Das schöne große Haus mit den Säulen am Eingang und dem riesigen Boddenblick-Grundstück schräg gegenüber der Ahrenshooper Schifferkirche am Paetowweg hatte sie zurückgelassen, aber nie aufgegeben. Während Ihrer Abwesenheit nistete sich hier der Vorsitzende einer DDR-Blockpartei ein. Offiziell hatte er das 2000 Quadratmeter große Filetgrundstück mit Haus „gekauft“ – für schlappe 22.000 Ost-Mark. Finanziert mit Geldern aus der Parteikasse. 1991 wurde er vom Berliner Landgericht wegen Veruntreuung zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Zwei Instanzen hatten der Klägerin Recht gegeben, aber der ehemalige Stasi-IM und jahrelange stellvertretende Vorsitzende des „Staatsrats der DDR“ ging immer wieder in Berufung. Erst die dritte Instanz machte dem Spuk ein Ende und die inzwischen 83jährige Schriftstellerin konnte nach vier Prozessjahren in ihr altes Haus zurückkehren.

Drei Beispiele für die andere Seite von Ahrenshoop. Auch Geschichten wie diese gehören zur Historie des Orts und sollten nicht in Vergessenheit geraten.

Rundumblick vom Balkon unserer Räucherhaus-Ferienwohnung am Hafen von Ahrenshoop

Räucherhaus Ahrenshoop

Abends sitzen wir im Rächerhaus und unterhalten uns mit unseren Tischnachbarn. Susanne Schönthier erklärt bei einem Glas Wein, daß die Tische im Lokal besonders groß seien, damit möglichst viele Menschen miteinander in Kontakt kommen. Wo zwei oder drei fremde Pärchen aufeinander treffen, entwickelt sich ganz automatisch ein Gespräch. Oft zwischen Ost und West, denn hier kommen alle zusammen: Wir sitzen mit Stammgästen aus dem nahen Rostock zusammen, die regelmäßig wegen des Fischs vorbeikommen und „weil man hier so schön sitzt“. Mit am Tisch: ein Pärchen aus dem Westen. Sie aus Köln, er aus dem tiefsten Bayern und wir aus Hamburg. Bunte Mischung, nettes Gespräch, auch wenn die Meinung über die Zeiten damals, vor der Wende, ab und an auseinander gehen. War ja nicht alles schlecht in der DDR. Stimmt. Auch das ist es, was diesen Ort, das Räucherhaus in Ahrenshoop ausmacht. Hier wird es nie langweilig. Es gab keinen Abend, an dem wir nicht interessante Gespräche mit fremden Menschen geführt hätten. An einem Ort mit Geschichte und Geschichten, von Neuanfang, Mut und dem Glück der Tüchtigen. Wo man mit Zeesbooten segeln und herrlich romantisch übernachten kann.

Text und Fotos: © Peter von Stamm

Räucherhaus Ahrenshoop
Hafenweg 6
18347 Ostseebad Ahrenshoop / OT Althagen
Tel: 038220 – 6946
raeucherhaus@t-online.de
www.raeucherhaus.net

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