Mit dem Bernina Express fährt man nicht, wenn man es eilig hat. Den Bernina Express nimmt man, um die Graubündner Bergwelt zu geniessen; um eine der schönsten Bahn-Strecken der Schweiz zu erleben; um zu gucken, zu staunen, zu entspannen. Beim gemütlichen Schaukeln der Waggons in den vielen Kurven zum Beispiel, oder wenn das „Bähnli“ Stück für Stück die Bergstrecke hinaufklettert, um den Berninapass in 2.253 Metern Höhe zu überwinden. Das geht natürlich nicht so schnell. Wer es eilig hat, ist hier falsch, auch wenn der Bernina die Bezeichnung „Express“ im Namen trägt.

Mit dem Bernina Express fährt man nicht, wenn man es eilig hat

Der Bernina Express gehört zur Rhätischen Bahn und ist neben dem ebenso berühmten Glacier Express einer ihrer Paradezüge. Aufgrund der Berge und Pässe, die es zu überwinden galt, entschied man sich beim Bau der Zugverbindung über den Berninapass vor mehr als 100 Jahren für den Einsatz einer Schmalspurbahn. Nur so konnten die vielen Kurven und Steigungen bewältigt werden. Nur so machte der Bau der vielen Tunnels Sinn, die durch den Fels gebohrt werden mußten.

Bernina Express am Berninamassiv

1910 wurde die „Berninabahn“ auf der Strecke zwischen St. Moritz und Tirano eröffnet und 1973 der „Bernina Express“ zwischen Chur, St. Moritz, Poschiavo und Tirano eingeführt. Der Express entwickelte sich schnell zum „Touristen-Magneten“. Um den Zügen mehr Glanz zu verleihen, färbte man elf Jahre später die ursprünglich auch vom Schweizer Militär genutzten und deshalb dunkelgrünen Waggons um. Seit 1984 ist die Farbe Rot das Markenzeichen des Bernina Express. Seine 122 Kilometer lange Teilstrecke zwischen Thusis, Ospizio Bernina, Alp Grüm, Brusio und Tirano gehört seit 2008 zum UNESCO Welterbe.

Auf meiner Bahnreise mit dem Bernina Express fahre ich vom Süden in den Norden: Vom italienischen Tirano in der Lombardei, gleich hinter der schweizerisch-italienischen Grenze, hinauf nach Chur, in die Hauptstadt von Graubünden. Zuvor war ich mit dem Bus von Lugano nach Tirano angereist. Diese Strecke vom Tessin ins Veltlin führt durch etliche kleine Ortschaften entlang der Seen Lago di Lugano und Logo di Como und dauert – mit einer halbstündigen Mittagspause – drei Stunden. Leider hat die Rhätische Bahn, die diese Busverbindung betreibt, keine nennenswerten Stopps direkt an einem der Seen eingeplant. Die Busfahrt könnte also durchaus attraktiver sein.

Tirano ist ein italienischen Örtchen in 429 Metern Höhe. Vom Bahnhof aus sieht man schon die Berge des Puschlav („Valposchiavo“) auf der anderen Seite der Grenze. Beide Regionen, das Veltlin in Italien und Puschlav in der Schweiz, verbindet eine wechselvolle Geschichte. Veltliner Weinberge gehören nicht selten schon vor Jahrhunderten zu Wohlstand gekommenen Puschlavern. Und viele Tiranesi pendeln heute täglich zur Arbeit in Gastronomie und Hotellerie ins Puschlav. Sprachbarrieren gibt es nicht: hüben wie drüben wird italienisch gesprochen, was auch damit zu tun hat, daß der Berninapass früher eine nur schwer überwindbare Barriere zwischen Nord und Süd bildete und das Puschlav vom nördlichen Graubünden abschnitt.

Bernina Express: Von Tirano nach Chur, alternativ nach Davos – und umgekehrt

Bernina Express Karte

Den meisten Bahnreisenden, die mich auf meiner Fahrt mit dem Bernina Express begleiten, ist garnicht bewußt, daß sie auf der relativ kurzen Strecke nach Chur zwei Sprachgrenzen überqueren: Italienisch, Rätoromanisch und Deutsch. Zählt man den eigenwillig-charmanten Puschlaver Dialekt dazu, sind es sogar vier Sprachregionen. Die mitreisende amerikanische Reisegruppe in den Panoramawaggons mit den hochgezogenen Zugfenstern interessiert sich ohnehin mehr für die Berggipfel und die vielen Brücken und Tunnels, die der Bernina Express passiert.

Die Route über den Berninapass ist ein Meisterwerk der Schweizer Bahn-Ingenieure: 55 Tunnels und 196 Brücken sorgen für „positive Aufregung“ unter den Fahrgästen. Das Kreisviadukt in Brusio zum Beispiel, eines der markantesten Wahrzeichen entlang der Strecke: In einer Doppelschleife von jeweils 100 Metern Durchmesser schraubt sich der Bernina Express hier über ein Viadukt in die Höhe.

Bei Morteratsch, in der Nähe der Station Ospizio Bernina, passiert der Zug die Montebellokurve und bieten den Fahrgästen einen traumhaften Blick auf das Bernina-Massiv, den Morteratsch-Gletscher und den höchsten Gipfel der Ostalpen, den 4049 Meter hohen Piz Bernina.

Die Ortschaften Bergün und Preda sind nur sechs Kilometer voneinander entfernt, es trennen sie aber 418 Meter Höhenunterschied! Um hier mit der Bahn fahren zu können, mußten neben zahlreichen „normalen“ Tunnels, Dämmen und Viadukten fünf Kehrtunnels und vier Talquerungen gebaut werden. Nur so konnte die Steigung auf maximal 35 Promille begrenzt werden.

Am Lago Bianco

Der Bernina Express am Berninapass

„Wow“ ist das meistgehörte Wort im Zug, gefolgt von „wonderful“. Ein britischer Rentner erzählt, daß er diese Strecke schon mal vor drei Jahrzehnten gefahren sei, und die Züge nun viel moderner und geräumiger seien, vor allem in der Ersten Klasse. Was sich die japanischen Reisenden aufgeregt zuraunen, kann ich nicht verstehen, die Geräusche ihrer Smartphone-Kameras sprechen aber eine eigene Sprache: klick, klick, klick macht es auf allen Brücken, bei jedem Berggipfel und jeder Kuh, die auf einer Almwiese entdeckt wird. Und das junge indische Paar, das in Kanada Karriere macht und eine Urlaubsreise quer durch Europa unternimmt, ist froh, einen Pullover mitgebracht zu haben: Als der Bernina Express in 2100 Metern Höhe an der Station Alp Grüm Halt macht, liegen die Temperaturen nur kurz über Null Grad. Eben noch hochsommerliches T-Shirt-Wetter, jetzt liegt Schnee – da mag kaum ein Fahrgast aussteigen.

Wer will, kann aber aussteigen und auch eine Nacht bleiben: Hier oben auf Alp Grüm gibt es zwei kleine Hotels, eines davon direkt im Bahnhofsgebäude, das andere etwas oberhalb am Berghang. Alp Grüm ist nur mit der Bahn zu erreichen, eine Fahrstrasse gibt es nicht. Im Sommer hört man nachts das Rauschen des Schmelzwassers aus dem mächtigen Palügletscher, den man vom Bahnhof aus bewundern kann. Sonst herrscht hier Stille. Und in der Ferne, weiter unten im Tal, leuchten die Lichter des Städtchens Poschiavo, dem Hauptort des Puschlav („Valposchiavo“).

Bahnstation Alp Grüm mit Hotel im Winter (oben) und im Sommer (nachts)

Bernina Express am Bahnhof Alp Grüm

Bernina Express Bahnstation Alp Grüm

Eine weitere Übernachtungsmöglichkeit bietet sich ein paar Kilometer weiter, an der höchsten Stelle, die der Bernina Express zu überwinden hat: Am Bahnhof „Ospizio Bernina“, in 2253 Meter Höhe. Seit 130 Jahren gibt es hier eine „Albergo“ und seit dem Jahr 1909 eine Bahnstation. Der höchstgelegene Bahnhof der Rhätischen Bahn liegt am Ufer des Lago Bianco, einem Stausee, der eine Wasserscheide ist: Ostwärts fliesst das Wasser in das schwarze Meer, südwärts in die Adria. Hier oben am Berninapass, der dem „Express“ seinen Namen gab, sind im Winter manchmal ganz verrückte Schweizer zu sehen, die „Speedflying“ betreiben und sich mit Gleitschirmen auf Skiern die schneebedeckten Hänge hinauf- und hinunterziehen lassen. Sieht lebensgefährlich aus!

Der Bernina Express: Ich werde wiederkommen

Ich werde sicherlich mal wiederkommen und die Fahrt mit dem Bernina Express in die andere Richtung erkunden. Von Davos oder St. Moritz aus über den Berninapass in den Süden, das wär’s! Vielleicht mit einer Übernachtung an der Bahnstation Alp Grüm, mit Blick auf Palügletscher und die Ortschaft Poschiavo, bevor es dann am nächsten Morgen weiter nach Tirano in Italien geht. Zwischendurch eine Nacht in den Bergen, am Rande der Bahnstrecke: Eine wunderbare Idee! Wer mit dem Bernina Express fährt, hat es ja ohnehin nicht eilig.

Der Bernina Express

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Der Bernina Express ist Teil der Grand Train Tour of Switzerland, einem Bahn-Reiseerlebnis von vier bis acht Tagen, welches die schönsten Panoramarouten der Schweiz verbindet. Acht verschiedene Routen auf mehr als 1200 Kilometern Bahnstrecke werden angeboten. Der Bernina Express gehört neben dem Glacier Express, dem Gotthard Panorama Express und der GoldenPass Linie zu den vier „Premium-Panoramazügen“.

Interessant: Mit dem SBB-Fahrausweis „Swiss Travel Pass“ sind innerhalb des gebuchten Zeitraums (3, 4, 8 oder 15 Tage Gültigkeit) alle öffentlichen Verkehrsmittel in der gesamten Schweiz kostenfrei, also auch die Panorama-Züge. Es müssen lediglich geringe Zuschläge für Sitzplatzreservierungen gezahlt werden. Ein acht Tage gültiger „Swiss Travel Pass“ kostet in der 1. Klasse CHF 596,– und in der 2. Klasse CHF 376,–. Jugendliche unter 26 Jahren zahlen weniger (Stand Frühjahr 2017).

Ohne Ermäßigung kostet eine Fahrt mit dem Bernina Express in der 2. Klasse CHF 89,60 und in der 1. Klasse CHF 138,– .

Die Fahrzeiten betragen:

  • Chur – Tirano: 4h 13min.
  • Davos – Tirano: 3h 40min
  • St. Moritz – Tirano: 2h 30min

Weitere Infos gibt es bei Schweiz Tourismus:
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