Der Exot – Interview mit René Trabelsi, dem weltweit einzigen jüdischen Minister in einem arabischen Staat

Das Interview mit René Trabelsi führte Peter von Stamm am 05.03.2019 in Berlin.

René Trabelsi (56) wurde 1962 auf Djerba geboren und ist seit November 2018 tunesischer Tourismus-Minister. Trabelsi ist Jude und zur Zeit der einzige jüdische Minister in einem arabischen Staat.

Der Vater dreier Kinder ist ein französisch-tunesischer Reiseunternehmer, hatte vor seiner Ernennung keinerlei politische Erfahrung und besitzt auch kein Parteibuch. Seine Berufung zum Tourismus-Minister im November 2018 wurde als wichtiges Signal gewertet, um der Welt zu zeigen, dass Tunesien ein weltoffenes Land mit einem mehrheitlich moderaten Islamverständnis sei.

René Trabelsi ging in den Neunziger Jahren nach Frankreich, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Er ist Gründer des Reiseunternehmens Royal First Travel, mit dem er vor allem in Frankreich Tunesienreisen vermarktete.

René Trabelsi
Tunesiens Tourismus-Minister René Trabelsi in Berlin – Foto ©Moslem Samaali

Trabelsis Vater Perez ist seit 1985 Vorsitzender der el-Ghriba-Synagoge auf Djerba. Sein Sohn René veranstaltete bis zu seiner Ernennung zum Minister die jährlich im Mai stattfindende Wallfahrt zur Synagoge. Mehrere Tausend Juden aus aller Welt kommen dann auf die Halbinsel im Süden des Landes.

Tunesien unterhält zwar keine diplomatischen Beziehungen zu Israel, dennoch dürfen jedes Jahr viele Pilger aus Israel mit einer Sondererlaubnis nach Djerba reisen. Für die kommende Wallfahrt im Mai 2019 haben sich bereits 1500 Pilger aus Israel angekündigt.

Von den ehemals 100.000 Juden, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Tunesien lebten, sind heute nur noch etwa 2000 im Land. Die Mehrheit der tunesischen Juden lebt auf Djerba. Das Gros verließ Tunesien nach der israelischen Staatsgründung, weitere tunesische Juden emigrierten nach der Jasminrevolution von 2011.

Ein “Mann vom Fach”

Tunesiens Wirtschaft schwächelt, und mit ihr ein wesentlicher Bestandteil: Der Tourismus. Daß nun ein „Mann vom Fach“ Tourismus-Minister ist, kann nur gut sein. Es gibt zu viele Baustellen im Tourismus-Sektor des Landes. Bis auf die Küstenregionen und die Halbinsel Djerba ist das Land touristisch kaum erschlossen.

Das Landesinnere und die Wüstenregionen im Süden haben viel zu bieten, es mangelt aber noch an touristischer Infrastruktur. Es gibt aber auch positive Signale, wie der Bau des wohl exklusivsten und luxuriösesten Hotels in Tunesien, das 5-Sterne-Superior Anantara Tozeur Hotel und Resort (Infos zum Projekt hier!), das momentan in der Sahara-Oasen-Stadt Tozeur errichtet wird. Es soll Ende 2019 eröffnet werden.

Zudem fehlte es in der Vergangenheit auch an der Einsicht, neben den schönen Stränden des Landes an der Mittelmeerküste und auf Djerba auch die vielen kulturellen Schätze, zum Beispiel gut erhaltene punische und römische Stätten und Ruinen, zu bewerben und zu vermarkten. René Trabelsi, der „Exot“ im tunesischen Kabinett, will das ändern.

400.000 deutsche Touristen will Tunesiens Tourismus-Minister in diesem Jahr nach Tunesien bringen, so sein erklärtes Ziel. Im vergangenen Jahr waren es noch 275.000. Im Jahr 2020 sollen es sogar eine Million Urlauber aus Deutschland sein, die sein Land besuchen. Um diese Ziele zu erreichen sprach René Trabelsi während der ITB in Berlin auch mit den Vertretern der großen Reiseveranstalter TUI und Thomas Cook.

Interview

René Trabelsi
Interview mit dem tunesischen Tourismus-Minister René Trabelsi (2.vl) in Berlin – Foto ©Moslem Samaali

Frage: Herr Trabelsi, Sie sind seit Ende letzten Jahres als Tourismus-Minister im Amt. Vorher waren Sie Geschäftsmann – Ihr Leben wird sich sehr verändert haben?

René Trabelsi: Ja, mein Leben hat sich komplett verändert. Ich habe bisher eine Reiseagentur geleitet. Seit meiner Ernennung zum Minister mußte ich sowohl mein privatwirtschaftliches Engagement, als auch mein Privatleben in den Hintergrund stellen.

Als Minister muß ich nun darauf achten, frühere Geschäftsbeziehung und -kontakte nicht mit der Politik zu vermengen. Privates und Politisches müssen strikt getrennt bleiben, sonst macht man sich angreifbar.

“Wir müssen Märkte zurückerobern”

René Trabelsi

Frage: Sie sind ein Tourismus-Experte. Wo liegt Ihr Hauptfokus im Amt des Tourismus-Ministers? Was muß sich in Tunesien dringend ändern, um den Tourismus-Sektor zu stärken? Wo drückt der Schuh am meisten?

René Trabelsi: Auch wenn das Jahr 2018 ein gutes touristisches Jahr in Tunesien war, müssen wir uns konstant weiterentwickeln – dazu gehört, daß wir die klassischen Märkte zurückerobern. Den französischen Markt, den Deutschen, den Italienischen, den belgischen Markt. Diese Märkte haben wir nach 2011, aber vor allem nach den Anschlägen im Jahr 2015 verloren. Jetzt gilt es, diese Terrains zurückzuerobern.

Sehr wichtig ist es für mich, zunächst mehr auf die europäischen Veranstalter zuzugehen und sie davon zu überzeugen, daß die Sicherheit in Tunesien garantiert ist. Wir haben sehr hohe Sicherheitsauflagen für Hotels und viele touristische Bereiche geschaffen. Ich war seit meiner Ernennung zum Minister bereits zu Besuch in Frankreich, Spanien, Italien, in Tschechien, jetzt in Deutschland, um genau diese Nachricht zu überbringen.

Man muß gute Nachrichten schneller verbreiten

René Trabelsi

Was ich aus der Privatwirtschaft gelernt habe, ist, daß Kommunikation sehr wichtig ist. Daran hat es in der Vergangenheit gemangelt, und das muß besser werden. Es geht auch darum, schnell zu kommunizieren. Man muß gute Nachrichten schneller verbreiten. Schlechte Nachrichten verbreiten sich von ganz allein und rasend schnell.

Es gilt, die gute Nachricht, nämlich, daß Tunesien wieder sicher ist, ebenso schnell in Umlauf zu bringen. Ich komme aus der Privatwirtschaft. Da agiert man einfach schneller. Seit ich Minister bin, bemühe ich mich, die guten Nachrichten hörbarer zu machen.

Ein Problem ist auch, daß sich das Gros der Touristen, die nach Tunesien kommen, auf die Hochsaison konzentriert. In der Nebensaison haben wir zu wenige Gäste. Auch das will ich ändern.

Deshalb wollen wir in den Jahren 2019/2020 vor allem die Nebensaison und den Süden des Landes bewerben: Die Sahara und den Sahara-Tourismus zum Beispiel und Destinationen wie Tozeur, Tataouine, Nefta, Douz, Chemini… Aber auch Kulturrreisen, Sport-Events, neue Rundreisen, Gesundheitstourismus; all das wollen wir bewerben, beziehungsweise neu auflegen.

René Trabelsi
René Trabelsi und Peter von Stamm in Berlin – Foto ©Moslem Samaali

Frage: Wie sorgen Sie vor allem im Süden für Sicherheit?

Rene Trabelsi: Was die Sicherheit der Touristen angeht, arbeiten das Innen- und das Verteidigungsministerium seit den letzten Anschlägen 2015 Hand in Hand. Wir werden aber auch von ausländischen Behörden unterstützt. Hilfe und technische Unterstützung kommen zum Beispiel aus den USA und Europa, insbesondere aus Frankreich, aber auch aus Deutschland.

Es gibt spezielle Detektoren an den Eingängen der Hotels, wir haben überall hochmoderne Kameras zur Überwachung, Autos werden in der Zufahrt zum Hotel kontrolliert. Ich habe mich mit ausländischen Vertretern in Tunis ausgetauscht, zum Beispiel mit den Botschaftern der USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich, und sie haben mir bestätigt, daß Tunesien inzwischen der gleichen Sicherheitsnorm entspricht, wie andere Länder auch.

“Juden leben in Tunesien, wie alle anderen auch”

René Trabelsi

Frage: Nach Ihrer Ernennung zum Minister gab es Vorbehalte gegen Sie, weil Sie Jude sind. Wie lebt man heute als Jude in Tunesien?

René Trabelsi: Nach der Revolution von 2011 hatten wir Juden zunächst befürchtet, daß etwas geschehen könnte. Es ist aber überhaupt nichts passiert. In Tunesien leben heute etwa 2000 Juden, davon etwa 1300 auf Djerba, 200 in Zarzis auf dem Festland gegenüber der Halbinsel Djerba, und der Rest in Tunis. Und diese Juden leben in Tunesien, wie jeder andere auch, es gibt keine Probleme für uns.

Frage: Sie haben sehr gute Beziehungen nach Israel, und das, obwohl es keine diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Tunesien gibt. Wie schaffen Sie es, daß so viele israelische Pilger zur Wallfahrt nach Djerba reisen und die el-Ghriba-Synagoge besuchen können?

Rene Trabelsi: Die meisten israelischen Pilger, die nach Djerba kommen, haben einen tunesischen Ursprung. Ihre Familien kommen ursprünglich aus Tunesien. Diese Pilger erhalten mit Hilfe des tunesischen Innen- und des Außenministeriums Sondergenehmigungen, um während der Wallfahrt nach Tunesien kommen zu dürfen. Allein für das kommende Pilgerfest im Mai 2019 haben sich schon 1500 Pilger aus Israel angemeldet. 90 Prozent dieser Pilger kommen ursprünglich aus Tunesien oder haben tunesische Vorfahren.

Bei israelischen Muslimen, die nach Mekka pilgern wollen, ist das übrigens auch nicht anders. Es gibt zwischen Israel und Saudi Arabien auch keine diplomatischen Beziehungen. Dennoch können Muslime aus Israel nach Mekka pilgern.

Frage: Wo sehen Sie den tunesischen Tourismus in der Zukunft, zum Beispiel in fünf Jahren?

Rene Trabelsi: Nun, ich hoffe, daß die touristische Entwicklung des Landes sehr schnell voranschreiten wird. Tunesien hat eine bemerkenswerte Revolution hinter sich. Es gab keinen Bürgerkrieg, wie in anderen Staaten während oder nach der Revolution. Wir haben innerhalb kürzester Zeit eine Demokratie geschaffen. Tunesien ist eine Art nordafrikanischer Modellstaat in Sachen Demokratie. Wir sind ein Laboratorium der Demokratie. Die Pressefreiheit ist sehr groß, die Medien gehen mit uns Politikern härter ins Gericht, als in Europa. All das macht mich zuversichtlich, daß sich auch der Tourismus in Tunesien sehr schnell und gut entwickeln wird.

“Ich liebe mein Land”

René Trabelsi

Ich liebe mein Land und habe mich auch als Privat- und Geschäftsmann immer für mein Land eingesetzt. Der Premierminister hat mich gebeten, das Engagement, das ich als Privatmann für mein Land zeige, auch in die Politik zu transportieren. Er möchte, daß ich die Art, wie ich als Geschäftsmann gearbeitet habe, nun auch in die Administration einbringe. Genau das will ich tun.

René Trabelsi
René Trabelsi – Tourismus-Minister von Tunesien – Foto ©Peter von Stamm

Herr Minister, vielen Dank für das Gespräch!

Abdruck – auch auszugsweise – nur nach Honorar-Absprache!

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