ReiseAnalyse 2021 : Prof. Dr. Martin Lohmann im Interview

Die jährlich durchgeführte Reiseanalyse gilt als detaillierteste Untersuchung zur deutschen Urlaubsreisenachfrage. Prof. Dr. Martin Lohmann ist der wissenschaftliche Leiter und Geschäftsführer am Institit NIT – New Insights for Tourism – in Kiel. Sein Institut erarbeitet seit mehr als 50 Jahren im Auftrag der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) die “Reiseanalyse” – so auch die aktuell vorgestellte Reiseanalyse 2021.

Vor der Veröffentlichung der aktuellen Reiseanalyse 2021 hat Peter von Stamm mit Prof. Dr. Martin Lohmann ein Interview geführt. Dieses Interview ist hier im Upgrade Hospitality Podcast zu hören:

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Transkript: Interview mit Prof. Dr. Martin Lohmann zur Reiseanalyse 2021

PvS: Hallo Herr Lohmann

Prof. Lohmann Ja, moin!

PvS: Moin nach Kiel!

Frage: Sie haben eine aktuelle Studie veröffentlicht; die nennt sich „ReiseAnalyse – Urlaubstrends 2021“. Bevor wir über die Ergebnisse der Reiseanalyse sprechen: Erklären sie mir doch bitte mal ganz kurz, in wessen Auftrag und wie diese Studie erstellt wurde.

Prof. Lohmann: Ganz kurz geht das glaube ich nicht… Die Reiseanalyse ist ein Projekt, das es seit 51 Jahren gibt und in der Sozialforschung und in der Marktforschung gibt es glaube ich weltweit nicht, daß über mehr als fünf Jahrzehnte mit derselben Methode und denselben Inhalten etwas beforscht wird, wie in diesem Fall das Urlaubsreiseverhalten der Deutschen.

Diese Untersuchung wird getragen von einem Verein, der heißt „Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen. In diesem Verein sind Organisationen, die davon überzeugt sind, daß es eine solche Forschung geben sollte. Ansonsten haben sie kein wirtschaftliches Interesse. Das sind deutsche Bundesländer, Nationen aus Europa, aber auch außerhalb Europas und deren touristische Vertretungen.  

Auch Reiseveranstalter, Reisebüros, Verkehrsträger, Kreuzfahrtreedereien, große Verlage, also eine ganze Bandbreite gesellschaftlicher Institutionen und von wirtschaftlicher Unternehmen, die in irgendeiner Weise Interessant am Tourismus haben. Die tragen dieses Reiseanalyse Projekt und zahlen jedes Jahr – salopp gesagt – einen festen Betrag in einen großen Topf, und aus diesem großen Topf zahlen wir dann die Kosten der Untersuchung.

Frage: Und die aktuelle ReiseAnalyse “Urlaubstrends 2021“ wurde in Auftrag gegeben von der CMT Messe in Stuttgart?

Prof. Lohmann: Nein, daß wir in Stuttgart eine CMT gemacht haben, ist eine jährliche Veranstaltung zur CMT im Januar, und auf dieser Eröffnungspressekonferenz geben wir so etwas ab, wie die Wasserstandsmeldungen des Tourismus, also einerseits ein Rückblick auf das zurückliegende Jahr und ein Vorausblick auf das dann kommende, nun gerade begonnene Jahr. Die Untersuchung ist aber wie schon lange Zeit kontinuierlich und wir hätten auch im November eine Pressekonferenz machen können, mit dann neuen  Daten, und die nächste große Welle an Erkenntnissen erwarten wir erst im März.

Reiseanalyse – das Interview, Teil 02

Frage: Nun sind wir ja durch Corona in einer Umbruchphase in allen Bereichen unseres Lebens. Gab es schon mal eine Zeit, wo die „Reise Analyse“ so wichtig und interessant war, wie in diesem Jahr?

Prof. Lohmann: Da muß ich natürlich sagen, daß die „Reise Analyse“ immer interessant und wichtig ist, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven,  was wir mit diesem Instrument noch nicht haben begleiten können oder begleiten müssen, ist eine dermaßene Katastrophe, wie die Effekte der Corona-Maßnahmen in den vergangenen 12 Monaten. Das ist wirklich ohne Vergleich bisher, das gilt jetzt wirklich nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt.

Frage: Seit dem Ausbruch der Pandemie vor etwa einem jahr reise ich fast nur noch in Deutschland. Ist das der neue Trend?

Prof. Lohmann: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir hatten auch in den Sommermonaten des vergangenen Jahres durchaus auch Auslandsreisen – ich persönlich habe mich auch bis in die Schweiz und sogar bis Frankreich gewagt. Das ging durchaus, war auch weder gefährlich, noch verboten, noch mit einschränkenden Maßnahmen bei der Rückkehr verbunden, damals –  das wäre jetzt wieder anders. 

Tatsächlich ist Deutschland schon immer das beliebteste Urlaubsreiseziel der Deutschen gewesen. Und mehr, als Position eins kann man ja nun mal nicht bekommen.  Wir haben im vergangenen Jahr wahrscheinlich – die letzte Messungen stehen dafür noch aus – einen deutlich höheren Marktanteil von Deutschland bei den Urlaubsreisen, als wir sonst bei den Urlaubsreisezielen hatten, aber auch Deutschland hat trotzdem noch einen Einbruch erlitten bei den Reisezahlen im vergangenen Jahr. Deutschland ist jetzt nicht sozusagen ein Krisengewinnler im Tourismus,  sondern ist nur mit einem blauen Auge davon gekommen und hat es weniger schlecht gehabt hat, als andere Länder.

Frage: Was erwarten Sie denn für Deutschland, für den Reisemarkt oder die Reisebranche in diesem Jahr? Die meisten Leute, die ich kenne, wollen ihren Urlaub auf „sicherem Terrain“ wo man sich nicht anstecken kann, wo man wenig Kontakt hat, verbringen. Wie ist Ihr Ausblick auf 2021?

Prof. Lohmann: Was die Urlaubspläne in diesem Jahr angeht, sind eigentlich nicht die Wünsche entscheidend, sondern die Möglichkeiten. Oder andersherum: Die Wünsche orientieren sich an den Möglichkeiten, und die sind nun mal geprägt durch die Pandemie und vor allen Dingen auch durch die Maßnahmen die die Gesellschaft zur Bekämpfung dieser Pandemie ergriffen hat.

Das ist vielleicht auch mal wichtig, zu betonen: Im Wesentlichen hat die touristische Aktivität nicht deswegen abgenommen, weil es die Krankheit gibt, sondern weil wir uns als Gesellschaft verständlicherweise mit sehr vielen Maßnahmen gegen diese Krankheit und deren Verbreitung sträuben und das ist das, was schließlich auf den Tourismus wirkt. Für 2021 ist deswegen zu erwarten, daß es wieder deutlich weniger Auslandsreisen gibt, daß  es viele Inlandsreisen vor allen Dingen an die Küsten an die Berge. Flugziele, egal, wo in der Welt werden sicher weniger besucht werden, das gilt aber insbesondere für Fernreisen außerhalb Europas.

Reiseanalyse – das Interview, Teil 03

Frage: Wie werden denn die Urlauber*innen durch Deutschland reisen? Werden die Autobahnen überfüllt sein? Hat die Bahn das Nachsehen?

Prof. Lohmann: Also für 2021 ist das im Moment tatsächlich noch Spekulation.  Was wir sehr sicher wissen aus unseren bisherigen Befragungen, ist, daß die Urlaubslust sehr groß ist, also man scharrt gewissermaßen mit den Hufen, bis man endlich los kann. Man hat Zeit und man hat Geld, um zu verreisen. Also, die Voraussetzungen auf der Nachfrageseite sind gegeben. Mit den konkreten Planungen oder gar Buchungen hält man sich aber noch sehr weit zurück und wartet ab, bis die Lage wieder klarer geworden ist und was wir in den letzten zwei, drei Monaten an „klarer werden“ erleben durften, kann ja zu der Idee führen, daß es in den nächsten zwei Monaten so schnell nicht klarer wird, sodaß die Planung des Sommerurlaubs sicher noch eine Weile aufgeschoben wird. Also, daß diese Entscheidungen, nach deren Realisation Sie mich fragen, noch gar nicht getroffen sind.

Man kann annehmen, daß bei den vielen Inlandsreisen das großenteils Reisen mit dem PKW sind. Der steht ja vor der Haustür, da muß man sich nicht groß Gedanken drum machen, und das Infektionsrisiko ist da auch gering. Man kann fast alles damit erreichen und insofern wird das für viele das Verkehrsmittel der Wahl sein. Und die Bahn hat es ja auch in den Jahren zuvor nicht so richtig geschafft, ein „urlaubiges“ Verkehrsmittel zu werden, was ich unter Umweltgesichtspunkten ausgesprochen bedauerlich finde, denn eigentlich könnte man weite Strecken sehr gut mit der Bahn überbrücken, aber da fehlt es dann so ein bisschen am Anschluss.

Frage: Wir haben im vergangenen Sommer nach der ersten Coronavirus-Welle beispielsweise an Nord- und Ostsee überfüllte Strände und überfüllte Hotels erlebt. Was glauben Sie wird in diesem Sommer passieren, wenn sich die Corona-Situation entschärft, wenn es mehr und mehr Menschen gibt, die geimpft werden und wenn man wieder reisen darf? Wird es in manchen Gebieten in Deutschland eine Art Overtourism geben?

Prof. Lohmann: Also auch im Jahr 2020 haben die meisten deutschen Feriengebiete zu den meisten Zeiten eher unter Undertourism gelitten, als unter Overtourism, sodaß das doch eher eine sehr punktuelle Erscheinung ist. Aalso, daß es an wenigen Zeiten an wenigen Orten in Deutschland dieses Gedränge gab, was man eigentlich auf keinen Fall haben möchte. Das ergibt sich im Wesentlichen aus einer unheilvollen Kombination aus Urlaubsgästen, die dort ihre Ferien verbringen und dort übernachten und Ausflüglern vom Wohnort aus. Also an Nord- und Ostsee dann aus dem Ballungsraum Hamburg zum Beispiel oder den anderen Großstädten im Norden. Das ist eine Situation, die wir vor Corona auch schon hatten, das ist also jetzt nicht ganz so spezifisch.

Und ich sage mal, viel schlimmer kann es eigentlich nicht werden, denn die Urlaubsunterkünfte an den Küsten sind in den Sommermonaten, also vor allem während der Schulferien  eigentlich sowieso immer ausgebucht. Mit einer Auslastung von 97 oder 98 Prozent in den Sommerwochen. Da kommen also nicht mehr Übernachtungsgäste hinzu. Es können höchstens noch Ausflügler hinzukommen, und das tun sie dann eben auch nur an den Tagen, wo Wochenende ist und wunderschönes Wetter und dergleichen. Das Problem werden wir an diesen touristischen Highlights auch im Sommer 2021 haben. Das gilt ungefähr in der gleichen Art natürlich auch für den Süden, also für die Höhepunkte in den Bergen.

Reiseanalyse – das Interview, Teil 04

Frage: Wie werden denn die Reisenden, die Urlauber, die Touristen ihre Unterkünfte suchen? Mehr in Hotels, in Pensionen, in Ferienwohnungen oder auf den Campingplätzen?

Prof. Lohmann: Es gibt eine klare Interessensbekundungen für Ferienwohnungen und Ferienhäuser, aber auch hier muss ich betonen, so ungewöhnlich ist das nicht. Also Ferien in Deutschland macht man eben schon immer sehr gerne in Ferienwohnungen und Ferienhäusern, auch weil ein großer Teil der Klientel vor allen Dingen in den Sommermonaten Familien mit Kindern sind. Wo es schon im vergangenen Jahr einen Aufschwung gab, ist beim Campingurlaub, vor allen Dingen mit Wohnwagen oder Wohnmobil. Auch hier muss man aber die Relationen betrachten, also wenn wir im letzten Jahr einen Marktanteilsanstieg hatten von sechs Prozent Camping 2019 auf voraussichtlich neun Prozent Camping im Jahr 2020, dann ist es natürlich ein irrsinniger Anstieg, zwar nur um drei Prozentpunkte, aber wenn man so will, um 50 Prozent. Aber das bedeutet jetzt längst nicht, daß jeder Deutsche mit einem VW Bulli durch die Gegend fahren wird, sondern eben nur einige. Und weil der Markt, also die Gesamtnachfrage, gleichzeitig geschrumpft ist, und zwar von 70 Millionen auf rund 43 Millionen Urlaubsreisen, sind die neun Prozent am Ende eher etwas weniger, als die sechs Prozent im Jahr zuvor.  Also, wir achten gerade, wenn es so eine ungewöhnliche Situationen gibt, wie Corona immer noch ist, immer sehr auf Veränderungen, auf Dinge, die sich bewegen, wo es rauf und runter geht und stellen uns vor, das sei die gesamte Entwicklung. Ist es aber nicht.

Frage: Was kommt in dieser Studie noch zutage?

Prof. Lohmann: Diese jährlich erscheinende Untersuchung besteht aus mehreren Wellen und die große Welle mit persönlichen Befraguneng findet im Januar bis Anfang Februar jeden Jahres statt. Und mit der Befragung sind wir in der Lage, sehr sorgfältig und sehr detailliert zu berichten, was im vergangenen Jahr geschehen ist.  Wir machen aber auch Untersuchung im Laufe des Jahres, also kleinere Befragungen, mit denen wir versuchen, die aktuellen Entwicklungen wie Stimmungsschwankungen aufzugreifen. Das haben wir 2020 aus gegebenem Anlass wegen der Corona-Pandemie noch vermehrt gemacht.

Was wir also im Januar haben vortragen können, beruht auf der Zeitreihe der Untersuchung bis zum Jahresende und was wir im März haben, ist dann nochmal eine neue Untersuchung, die nicht nur neuer ist, sondern, die auch wesentlich detaillierter ist, und vor allem die Präferenzen und Interessen genau abgefragt: Also, was will jemand in der Zukunft machen, einen Kreuzfahrturlaub, einen Familienurlaub, in die Berge fahren und dergleichen. Und das ist gerade in diesem Jahr ein sehr wichtiger Kompass auch für die Branche.

Wenn wir momentan als Reisende im Wesentlichen durch die Möglichkeiten gesteuert sind, dann ist es ganz wichtig, die Wünsche zu kennen, wenn die Möglichkeiten wieder breiter werden. Darf ich damit rechnen als deutscher Ferienanbieter, daß alle in Deutschland bleiben oder darf ich als Spanien damit rechnen, daß dann, sobald es geht auch wieder ganz viele nach Spanien kommen?

Interview zur Reiseanalyse, Teil 05

Frage: Womit muss dann ein Reiseveranstalter oder ein Hotelier rechnen? Mit welchen Wünschen der Urlauber muß man rechnen, worauf muss man sich einstellen?

Prof. Lohmann: Die beiden Gruppen würde ich gerne separat behandeln.
Der Hotelier steht in der Zwickmühle, daß er einerseits als Unterkunftsanbieter sehr viel dafür tun muss, daß das Hygienekonzept umgesetzt ist, daß man sich nicht ansteckt, daß unabhängig von der Ansteckungsgefahr die Menschen sich sicher fühlen. Das geht ja nicht eins zu eins Hand in Hand, sondern manchmal brauchen wir Signal-Maßnahmen, die dann die gefühlte Sicherheit erhöhen, obwohl sie zum Infektionsschutz nur wenig beitragen.

Das muß er dieses Jahr unbedingt liefern, weil das die Gäste erwarten. Andererseits erwartet man natürlich im Urlaub eine Situation, die entspannt ist, die einen nicht ständig an diese – pardon – Corona-Sch**ße erinnert. Und da möchte man gerne von wegkommen.  Und wenn ich jetzt in eine Unterkunft komme, in ein Hotel, an der an jeder Ecke ein Schild steht: „Desinfizieren Sie diverse Körperteile“ und „halte Abstand2 und greif ja nicht auf das Essen zu, dann ist es ja nicht sehr urlaubig. Da muß man eine Art Balanceakt wagen, daß den Urlaubsspaß, die Urlaubsatmosphäre  schafft und gleichzeitig diese jetzt aktuell notwendigen Regelungen so durchführt, daß sie greifen, aber eben nicht das Urlaubserlebnis minimieren.

Das ist eine Sorge, die ein Reiseveranstalter so nicht hat, denn der muß ja den Hotelier eigentlich nur einkaufen. Die Reiseveranstalter haben in diesem Jahr sicher die Sorge, daß die Reisen, die möglich sind, für viele Gäste erstmal Reisen sind, die sie selber organisieren können und wo sie die Unterstützung eines Büros oder eines Tour-Operators einfach garnicht brauchen. Und auch nicht auf die Idee kommen, ihn danach zu fragen, obwohl der das ja auch könnte.

Das bedeutet, daß für diesen Teil der Tourismusbranche die Durststrecke, die letztes Jahr begonnen hat, sich sicher noch weiter verlängert bis 2022 oder 2023, bevor wieder solche Angebote auf dem Reisemarkt für die Deutschen möglich sind, und in einem vernünftigen Umfang für Reiseveranstalter möglich sind, daß sich das Geschäft wieder richtig lohnen wird.

Frage: Nun gibt es ja auch ausländische Besucher, die nach Deutschland kommen, zum Beispiel aus Österreich. Sie sind Wirtschaftspsychologe. Sie wissen also – salopp gesagt – wie die Menschen ticken. Wie ticken denn die Österreicher? Ticken die anders? Sieht man dort bestimmte Dinge, wie jetzt in der Pandemie, etwas lockerer?

Prof. Lohmann: Ich denke, bei unseren Nachbarländern, vor allem den Deutschsprachigen, sind die Unterschiede, wenn wir auf Urlaubserwartungen gehen, relativ gering. Wir haben ja gerade in an der Küste in Norddeutschland relativ viele Gäste aus den Alpen, weil wir hier landschaftlich etwas Originelles bieten können, nämlich dieses Meer im Norden. Schweizer und Österreicher sind vor allem an der Westküste, also an der Nordsee sehr stark vertreten. Die brauchen da jetzt aber keine Sonderbehandlung, die essen die gleichen Sachen, schlafen in der gleichen Betten und sind nur etwas noch erstaunter, wie es dort aussieht, als vielleicht ein Deutscher.  

Interessanter wird es dann schon, wenn die Gäste von weiter weg kommen und dann tatsächlich aus einem sehr anderen Kulturkreis. Das ist aber eine Frage, die sich in diesem Jahr leider Gottes wohl nicht richtig stellt, weil denen auch einfach die Möglichkeiten fehlen.

Frage: Werden Sie eigentlich auch vom Bundeswirtschaftsministerium konsultiert, wo politisch gesehen der Tourismus angesiedelt ist?

Prof. Lohmann: Das Bundeswirtschaftsministerium nutzt auch unsere Untersuchungen, sie haben eine ganze Reihe von Beratungsgremien politischer und fachlicher Art. Da gehöre ich jetzt persönlich nicht dazu, es ist aber auch kein Job, den ich vermisse und es ist auch nicht so, daß ich sagen würde „oh, denen kann man aber garnicht trauen“. Ich bin da ganz anderer Meinung und denke, das ist in guten Händen.

Reiseanalyse 2021, Interview Teil 06

Frage: Gibt es etwas in der Studie, das Sie überrascht hat?

Prof. Lohmann: Bei der Marktforschung ist ja immer so, sobald man die Ergebnisse verkündet hat, sagen die meisten, „ja, ja, das ist ja schön, aber das haben wir eigentlich vorher auch schon gewusst“. Und wenn man es wirklich vorher nicht zu wissen geglaubt hat, dann sagt man, die Fallzahl war zu niedrig, Ihr hättet mehr Leute fragen müssen, dann wäre schon das herausgekommen, was ich erwartet habe.
Tatsächlich hätten wir aber auch andere Ergebnisse verkünden, und man hätte auch die erwartet, im Nachhinein.

Also, es ist schon spannend und wie ich finde, überraschend, daß die Urlaubslust und dieser Wille, rauszukommen, etwas anderes zu erleben, so groß und so stark und von dieser Pandemie kaum beeinflußt ist. Man hätte genauso gut erwarten können – auch dafür gibt es sozialpsychologische Theorien – daß die Menschen lieber ihrem Loch bleiben, nicht raus wollen und sagen, ich bleibe zu Hause, ich warte erst mal ab, wie sich das alles entwickelt, reisen kann ich ja immer noch, ich habe dieses Jahr gelernt, das ist gar nicht so wichtig, nein, ich habe keine Reiselust. Wäre das rausgekommen, hätte man auch gesagt, na gut, das war jetzt auch zu erwarten. Ist aber nicht rausgekommen, sondern das Gegenteil, und ich finde das zumindest für die Branche recht ermutigend.

Frage: Parallel zur „Reise Analyse Urlaubstrends 2021“ wird auch noch an der „Reise Analyse Business Travel“ gearbeitet. Liegt diese Studie zu Geschäftsreisen schon in trockenen Tüchern?

Prof. Lohmann: Das ist ein anderes Projekt, da haben wir nicht diesen langen Vorlauf von einem halbe Jahrhundert Projekterfahrung. Das ist deswegen in den letzten zwei Jahren ein Forschungsprojekt gewesen. Zum Hintergrund: Geschäftsreisen sind irrsinnig schwierig zu erfassen. Im Wesentlichen deswegen, weil nur ziemlich wenige Leute überhaupt Geschäftsreisen machen. Man kann also nicht einfach tausend Leute fragen, „hast Du Geschäftsreisen gemacht“ und erhält dann genügend Antworten. Und von denjenigen, die Geschäftsreisen machen, macht ein sehr kleiner Teil ganz schrecklich viele Geschäftsreisen und die anderen machen ein, zwei Geschäftsreisen im Jahr.

Also mit den klassischen empirischen Ansätzen sind die so nicht zu kriegen. Trotzdem gibt es aber einen gewissen Informationsbedarf – sonst hätten wir uns damit beschäftigt – der aber mehr darauf zielt, besser zu verstehen, was die Ansprüche von Geschäftsreisenden sind, wie sie sich in den Angeboten fühlen und dergleichen. Es geht also da nicht darum, zu bestimmen, daß genauso soundso viele Millionen Geschäftsreisen sind, sondern einfach den Markt besser zu verstehen. Da sind wir dran, das haben wir jetzt zwei Jahre probiert, wir haben den Eindruck, das funktioniert vernünftig und haben die Idee, dass auch zu etablieren. Dafür machen wir jetzt im kommenden Mai und Juni eine letzte Proberunde und dann sollte das eigentlich stehen.

Reiseanalyse 2021: Interview Teil 07

Frage: Können Sie schon etwas verraten? Bricht der Geschäftsreisemarkt in Zeiten von Zoom und anderen Konferenztools ein, wie viele befürchten?

Prof. Lohmann: Das ist auch der Grund, weswegen wir aus den Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre jetzt nicht einfach sagen können „juhu, wir machen einfach so weiter“, sondern da ist ja jetzt wirklich ein neuer Aspekt hinzugekommen, der anders, als bei den Urlaubsreisen eben auch eine starke Zukunftswirkung zu haben scheint. Weiß man ja nicht, muß ja erst noch passieren, aber tatsächlich haben viele von der Personengruppe, die ich vorhin beschrieben habe, also die wenigen Geschäftsreisenden, die ganz viele Reisen machen, haben gelernt, dass das ja nicht unbedingt nötig ist. Und das haben sie nicht nur persönlich gelernt, sondern auch noch ihre Unternehmen. Und deswegen gibt es da nun wirklich eine ernstzunehmende Alternative, sich zu verständigen.

Ich habe nicht den Eindruck, daß Geschäftsreisen völlig überflüssig werden. Diese persönlichen Kontakte, das Kennenlernen der gegenseitigen Kultur – jetzt nicht gemeint die Geschichte, sondern mehr im Unternehmen oder der aktuellen Gesellschaft – das bleibt ja nötig, aber wenn ich jetzt nur so eine kurze Absprache habe, für die ich früher vielleicht nach Barcelona geflogen bin, um nach einem Halbestundegespräch wieder zurück zu fliegen, das ist sicher nicht nötig und wird den Markt ziemlich umwirbeln. Also man braucht dann tatsächlich weniger Übernachtungsstätten, weniger Transportkapazitäten und weniger Konferenzmöglichkeiten.

Frage: Wie handhaben Sie das persönlich? Sind sie für Ihre Studien noch in Deutschland unterwegs, oder sitzen Sie in ihrem Kämmerlein in Kiel und schicken ihre „fleißigen Bienchen“ los?

Prof. Lohmann: Naja, dann sind ja die Bienchen unterwegs… Für die großen empirischen Untersuchungen, die Befragungen zur „Reise Analyse“ zum Beispiel im Januar / Februar waren tatsächlich unsere Interviewer in ganz Deutschland unterwegs. Nun fahren die da nicht vom Norden in den Süden, sondern sie machen das in der Nähe ihres eigenen Wohnortes, aber immerhin das muss man ja auch mal sagen in unsere ängstliche Gesellschaft hinein, wir haben über 6.000 persönliche Interviews zum Reiseverhalten gemacht, und das hat hervorragend funktioniert. Natürlich unter Beachtung der Hygienebedingungen mit Abstand halten und Maske tragen und dergleichen, aber das ist ja auch eine eins zu eins Situation, die jetzt nicht so hyper gefährlich ist und erlaubt ist.

Und wir haben auch dabei wieder gelernt, daß dieses persönliche miteinander reden einen hohen Wert hat und daß Menschen schrecklich gerne auch über ihre Urlaubsreisen berichten. Das ist also ein angenehmer Gesprächsgegenstand was übrigens seit 50 Jahren das Leben leichter macht. Hätten wir ein anderes Thema für unsere Befragung, wäre das nicht so schön und nicht so erfolgreich, als wenn wir über Tourismus reden dürften.

Frage: Haben sie für dieses Jahr schon Urlaub gebucht?

Prof. Lohmann: Ja, ich kann zwei Buchungen verraten:  Das eine ist Ende März – so Gott und die Gesundheitsminister wollen – verlängertes Wochenende auf einer Hallig. Das ist also nicht weit weg und eine gute Übung zum Anfang. Und Ende Juli / Anfang August geht es in die Schweizer Berge zum Wandern.

Herr Professor, ich bedanke mich für das informative und nette Gespräch.

Interview: Peter von Stamm

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ReiseAnalyse 2021 : Prof. Dr. Martin Lohmann vom NIT im Interview
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ReiseAnalyse 2021 : Prof. Dr. Martin Lohmann vom NIT im Interview
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Die jährlich durchgeführte Reiseanalyse gilt als detaillierteste Untersuchung zur deutschen Urlaubsreisenachfrage. Prof. Dr. Martin Lohmann ist der wissenschaftliche Leiter und Geschäftsführer am Institit NIT - New Insights for Tourism - in Kiel. Sein Institut erarbeitet seit mehr als 50 Jahren im Auftrag der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. (FUR) die "Reiseanalyse" - so auch die aktuell vorgestellte Reiseanalyse 2021.
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